EFAS, digitale Strategie Schweiz und eGovernment: Ein Systementscheid über Daten, nicht nur über Kosten
Die Diskussion rund um EFAS, die einheitliche Finanzierung ambulanter und stationärer Leistungen, wird in der politischen Debatte weitgehend auf eine Frage reduziert: Ist die angestrebte Kostenneutralität realistisch oder nicht? Diese Verkürzung greift zu kurz. EFAS ist keine klassische Finanzreform. EFAS ist ein struktureller Eingriff in die Steuerungslogik des Schweizer Gesundheitswesens und damit in dessen Datenarchitektur.
Parallel dazu verfolgt die Schweiz mit ihrer digitalen Strategie ambitionierte Ziele. Prinzipien wie Once-Only, Interoperabilität, Datenräume und digitale Identitäten sind definiert. Programme wie Digitale Verwaltung Schweiz treiben diese Themen voran. Gleichzeitig steht das Gesundheitswesen unter wachsendem Druck: steigende Kosten, fragmentierte Versorgungsstrukturen und eine zunehmende Abhängigkeit von belastbaren Daten für politische und operative Entscheidungen.
Diese drei Entwicklungen verlaufen nicht unabhängig voneinander. Sie sind faktisch miteinander verschränkt, jedoch ohne durchgängig abgestimmte Zielarchitektur. Genau hier liegt das Problem.
EFAS verschiebt die Verantwortung – und erhöht den Datenbedarf massiv
Mit EFAS beteiligen sich die Kantone künftig auch an der Finanzierung ambulanter Leistungen. Damit verschiebt sich nicht nur die Finanzierungslogik, sondern auch die Verantwortung. Wer bezahlt, muss verstehen. Wer versteht, braucht Daten.
Die Kantone werden in eine Rolle gedrängt, die sie heute nur teilweise ausfüllen können. Sie müssen Leistungen beurteilen, Kostenentwicklungen analysieren und finanzielle Steuerung übernehmen – und zwar über Sektorengrenzen hinweg. Das setzt voraus, dass ambulante und stationäre Daten in vergleichbarer Qualität, Struktur und Aktualität vorliegen.
Genau das ist heute nicht der Fall. Daten sind fragmentiert, semantisch uneinheitlich und oft zeitverzögert verfügbar. Die Folge ist offensichtlich: Ohne eine konsistente Datenbasis bleibt jede Form von Kostenneutralität eine modellbasierte Annahme. Steuerung wird zur Interpretation. Entscheidungen basieren auf Näherungen statt auf Evidenz.
EFAS macht diese Schwäche sichtbar, löst sie aber nicht.
Die digitale Strategie liefert die richtigen Prinzipien – aber keine sektorale Verankerung
Die digitale Strategie der Schweiz adressiert zentrale Herausforderungen der Datenökonomie. Das Once-Only-Prinzip reduziert redundante Datenerfassung. Interoperabilität schafft die Voraussetzung für systemübergreifende Nutzung. Datenräume ermöglichen sektorübergreifende Auswertungen. Digitale Identitäten sorgen für eindeutige Zuordnung.
Im Gesundheitswesen wären genau diese Prinzipien entscheidend. Dennoch zeigt sich in der Umsetzung ein strukturelles Defizit. Die Initiativen sind häufig sektoral organisiert, kantonal unterschiedlich ausgeprägt und technologisch heterogen umgesetzt. Es fehlt eine verbindliche Referenzarchitektur, die diese Prinzipien konkret in den Kontext der Gesundheitsfinanzierung übersetzt.
Graphik angehängt.
Die Konsequenz ist eine Lücke zwischen strategischem Anspruch und operativer Realität. EFAS trifft auf ein System, das digital nicht ausreichend integriert ist.
Ohne eGovernment bleibt EFAS operativ unterbestimmt
EFAS ist darauf angewiesen, dass Datenflüsse funktionieren, verstanden werden und steuerbar sind. Das ist keine Nebenbedingung, sondern die zentrale Voraussetzung.
Aus eGovernment-Sicht lassen sich vier zwingende Dimensionen ableiten. Dazu braucht es eine:
1. verlässliche Datenverfügbarkeit. Ambulante und stationäre Leistungsdaten müssen vollständig, zeitnah und standardisiert vorliegen. Punktuelle oder verzögerte Daten reichen nicht aus, um Steuerungsentscheidungen zu treffen.
2. gemeinsame Semantik. Begriffe wie „Fall“, „Leistung“ oder „Episode“ müssen über alle Akteure hinweg konsistent definiert sein. Ohne semantische Klarheit entstehen systematische Fehlinterpretationen, die sich direkt in falschen finanziellen Entscheidungen niederschlagen.
3. echte Datenintegration. Die Verbindung von Leistungserbringern, Versicherern und Kantonen darf nicht über manuelle Schnittstellen oder isolierte Systeme erfolgen. Es braucht durchgängige, interoperable Architekturen, die Datenflüsse über Systemgrenzen hinweg ermöglichen.
4. Steuerungsfähigkeit. Kantone müssen in der Lage sein, Kostenentwicklungen zeitnah zu analysieren, Szenarien zu simulieren und evidenzbasierte Entscheidungen zu treffen. Ohne diese Fähigkeit wird EFAS zu einem reaktiven System, das Entwicklungen erst im Nachhinein korrigiert.
Diese vier Dimensionen sind klassische eGovernment-Themen. EFAS macht sie im Gesundheitswesen zwingend.
Der eigentliche Nutzen liegt in der Systemintegration
Die Diskussion um Digitalisierung im öffentlichen Sektor fokussiert oft auf einzelne Anwendungen oder Prozesse. Der eigentliche Hebel liegt jedoch in der Integration.
Richtig umgesetzt, schafft eGovernment im Kontext von EFAS einen klaren Mehrwert. Transparenz ersetzt Schätzung. Steuerung ersetzt Reaktion. Verwaltungsaufwand wird reduziert, weil manuelle Prüfprozesse durch datenbasierte Verfahren ergänzt oder ersetzt werden. Gleichzeitig bleibt die föderale Struktur erhalten, da gemeinsame Standards und Architekturen die Anschlussfähigkeit sicherstellen, ohne die Autonomie der Kantone aufzuheben.
Der Nutzen entsteht nicht durch Technologie an sich, sondern durch deren Einbettung in eine konsistente Architektur.
Die Realität: strukturelle Defizite bleiben bestehen
Trotz strategischer Programme ist die Ausgangslage ernüchternd. Daten sind nach wie vor fragmentiert. Interoperabilität ist begrenzt. Governance-Fragen sind oft ungeklärt oder zwischen Akteuren verteilt.
EFAS erhöht den Druck auf diese Schwächen erheblich. Ohne gezielte Gegenmassnahmen besteht die Gefahr, dass die Reform zwar formal umgesetzt wird, operativ jedoch neue Intransparenzen und Ineffizienzen entstehen. Kosten werden dann nicht gesteuert, sondern lediglich anders verteilt.
Schlussfolgerung: EFAS ist ein Lackmustest für die digitale Verwaltung
Die zentrale Frage ist nicht, ob EFAS politisch sinnvoll ist. Die entscheidende Frage lautet, ob die digitale Verwaltungs- und Datenarchitektur der Schweiz EFAS überhaupt tragen kann.
Aktuell ist die Antwort differenziert. In einzelnen Bereichen bestehen Fortschritte. Insgesamt fehlt jedoch die Durchgängigkeit.
EFAS wirkt damit wie ein Lackmustest. Es zeigt auf, ob die bisherigen Digitalisierungsanstrengungen ausreichend sind, um ein hochkomplexes, datengetriebenes Steuerungssystem zu betreiben.
Handlungsbedarf: Architektur, Standards und Governance
Aus Sicht von eGov-Schweiz ergeben sich klare Handlungsfelder. Es braucht verbindliche Datenstandards im Gesundheitswesen, die national abgestimmt und kantonal umsetzbar sind. Es braucht sektorübergreifende Datenräume, die das Gesundheitswesen in die Gesamtarchitektur der digitalen Verwaltung integrieren. Es braucht klare Governance-Strukturen, die Verantwortlichkeiten für Datenqualität, Semantik und Nutzung definieren. Und es braucht eine konsequente Priorisierung von Architektur vor Technologie.
Ohne diese Elemente bleibt Digitalisierung Stückwerk.
Call-to-Action
eGov-Schweiz versteht sich als Plattform, die Verwaltung, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft zusammenbringt. EFAS zeigt exemplarisch, dass sektorale Lösungen nicht mehr ausreichen. Die Herausforderungen sind systemisch und müssen auch so adressiert werden.
Wir laden Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger aus Kantonen, Bund, Gesundheitswesen und IT ein, diese Fragestellungen gemeinsam weiterzuentwickeln. Es geht nicht um einzelne Systeme oder Projekte. Es geht um die Fähigkeit der Schweiz, komplexe öffentliche Aufgaben datenbasiert und steuerbar zu organisieren.
EFAS kommt. Die Frage ist, ob wir die digitale Grundlage rechtzeitig schaffen.
Jetzt ist der Zeitpunkt, die Verbindung zwischen Gesundheitswesen und eGovernment konsequent zu gestalten.
