Digitale Souveränität entscheidet sich nicht im Code - sondern in der Beschaffung
Digitale Souveränität entscheidet sich nicht im Code - sondern in der Beschaffung
Digitale Souveränität ist kein Schlagwort mehr. Sie ist Realität – geopolitisch, wirtschaftlich und sicherheitspolitisch.
Am BrownBag vom 5. Februar 2026 zeigte Bruno Schöb von der Schweizerische Bundeskanzlei, dass Open Source ein wichtiger Träger digitaler Souveränität sein kann . Doch ebenso klar wurde: Technologie allein macht noch keine Souveränität.
Die entscheidende Frage lautet nicht: «Open Source oder proprietär?»
Die entscheidende Frage lautet: «Wie viel Kontrolle, Gestaltungsfähigkeit und Wechselfähigkeit wollen wir – und was sind wir bereit, dafür zu tun?»
Souveränität ist kein Ideal – sie ist ein Gradmesser
Die Bundesverwaltung diskutiert heute Souveränität in Stufen von „fremdbestimmt“ bis „systemisch souverän“. Das ist ein Paradigmenwechsel und Souveränität wird damit messbar. Bewertbar. Steuerbar.
Und genau hier liegt die politische Dimension: «Wer Beschaffung rein operativ versteht, vergibt die Möglichkeit, digitale Handlungsfähigkeit strategisch zu sichern.»
EMBAG schafft Transparenz – aber keine Souveränität
Mit Artikel 9 des Bundesgesetzes über den Einsatz elektronischer Mittel zur Erfüllung von Behördenaufgaben (EMBAG) wurde festgelegt, dass der Bund selbst entwickelte Software grundsätzlich offenlegen muss .
Das ist ein wichtiger Schritt: «Aber das EMBAG regelt primär die Publikation von Open Source (in → out). Jedoch liegt die eigentliche Steuerungswirkung in der Nutzung und Beschaffung (out → in).»
Dort entscheidet sich, ob Souveränität aktiv gestaltet oder passiv verwaltet wird.
Die unbequeme Wahrheit: Bequemlichkeit schlägt Souveränität
Open Source ist gemäss Bundesrichtlinien gleichberechtigt zu proprietärer Software zu behandeln. In der Praxis dominieren dennoch marktmächtige Anbieter.
Warum?
- Skaleneffekte
- Komfort
- vermeintlich geringere Komplexität
- fehlende Exit-Strategien
- politischer Mutmangel
Digitale Abhängigkeiten entstehen selten bewusst sondern schleichend und sie entstehen in Ausschreibungen.
Wer Souveränität will, muss Beschaffung neu denken
Digitale Souveränität ist kein technisches Detail, sondern ein politischer Steuerungsauftrag.
Zukünftige Ausschreibungen sollten deshalb systematisch:
1. Souveränität als Bewertungskriterium aufnehmen
Nicht nur Preis, Funktionalität und Referenzen sondern:
- Grad der technologischen Kontrolle
- Datenhoheit
- rechtliche Steuerungsfähigkeit
- Resilienz
- Exit-Fähigkeit
Diese Dimensionen sind heute im Analysemodell der Bundesverwaltung beschrieben und müssen verpflichtender Bestandteil der Bewertung werden.
2. Offene Standards zur Voraussetzung machen
Interoperabilität darf kein „Nice-to-have“ sein.
Offene Schnittstellen, dokumentierte APIs und Datenportabilität müssen systematisch eingefordert werden. «Lock-in ist kein Naturgesetz» er ist oft das Resultat fehlender Anforderungen in Ausschreibungen.
3. Exit-Strategien verpflichtend operationalisieren
Standardverträge ohne Exit-Klauseln sind Souveränitätsverzicht. Jede strategische Beschaffung sollte enthalten:
- Exit- und Migrationsszenarien
- Escrow-Regelungen
- Second-Source-Strategien
- klare Datenrückgabeprozesse
Wer nicht wechseln kann, ist nicht souverän.
4. Resilienz politisch priorisieren
Digitale Infrastruktur ist systemrelevant, daher muss Krisenfähigkeit Bestandteil jeder grossen IT-Beschaffung sein. Aus diesem Grund wurde der PoC BOSS zur Büroautomation mit Open Source explizit auch unter Resilienzgesichtspunkten durchgeführt.
Digitale Souveränität ist mindestens so relevant wie Energiesouveränität oder Nachhaltigkeit diese Analogie wurde im BrownBag klar so benannt.
5. Marktmacht strategisch nutzen
Die öffentliche Hand ist einer der grössten IT-Nachfrager des Landes, daher kann Marktmacht zu einem politischen Instrument werden. Wer also konsequent:
- offene Lösungen verlangt
- Community-Beiträge unterstützt
- Vendor-Neutralität einfordert
- Innovation mitgestaltet
verändert die Märkte - nachhaltig.
Föderale Zusammenarbeit statt Insellösungen
Der DVS-Prototyp einer Open-Code-Austauschplattform zeigt, dass Bund, Kantone und Städte koordiniert vorgehen können. Internationale Beispiele wie etwa openCode.de oder code.gouv.fr verdeutlichen, dass Plattformen Wiederverwendung und Transparenz stärken. Die Schweiz darf hier nicht Beobachterin bleiben.
Klare Position des Vereins
Der Verein eGov-Schweiz vertritt die Auffassung:
- Digitale Souveränität ist kein ideologisches Projekt.
- Sie ist Voraussetzung für staatliche Handlungsfähigkeit.
- Sie muss messbar, operationalisierbar und beschaffungsrelevant sein.
Open Source ist ein starker Hebel aber nur dann wirksam, wenn er strategisch eingesetzt wird. Die politische Frage lautet nicht, ob wir vollständig unabhängig sein können. Die politische Frage lautet: «Wie viel Abhängigkeit sind wir bereit zu akzeptieren und zu welchem Preis?»
